Ich war ein studentischer Staubsaugervertreter-Troll

Ich war ein studentischer Staubsaugervertreter-Troll

(Also eigentlich darf ich ja nichts davon erzählen, aber hey,
let’s call it whistleblowing …)

Kurz nach der Markteinführung der ersten beutellosen Staubsauger, die branchenintern nur die ‚Dyson-Innovation‘ genannt wurde (was allerdings einer der Begriffe war, die wir in den Auftragstexten tunlichst vermeiden sollten), wurde ich über zwielichtige Uni-Aushänge und konspirative Online-Bewerbungsverfahren mit Mittelsmännern eines ungewöhnlich öffentlichkeitsscheuen Public-Relations-Startups für eine geheime Troll-Armee rekrutiert, deren Mission darin bestand, Produkte ebenjener neuen Staubsaugergeneration sämtlicher Marken vorrangig bei Amazon positiv zu rezensieren.
Es ging also tatsächlich wohl nicht so sehr um die Imagepflege einzelner Produkte oder Marken, als vielmehr darum, die Kunden überhaupt zum Kauf eines solchen neuen Staubsaugermodells zu bewegen.

Womöglich war in früheren Produktlinien von allen Herstellern verpasst worden, eine geplante Obsoleszenz einzubauen. Der Absatz von lediglich immer wieder neuen Staubsaugerbeuteln konnte die Wachstumserwartungen der Reinigungsgerätekonzerne nicht mehr dauerhaft und zukunftsweisend befriedigen, sodass deren Innung oder Branchenverband sich für eine derart konzertierte Aktion zur Erzeugung psychischer Obsoleszenz hinreißen ließ.

Ich interessierte mich damals nicht sonderlich für die Hintergründe und im Nachhinein wundere ich mich auch sehr, wie erfolgreich die eigentlich recht einfältige und stereotype Kampagne damals werden konnte.
Mit nahezu wortgleichen Formulierungen lobpreisten wir den technologischen Fortschritt und die Faszination des beuttellosen Staubsaugens, wobei der Spin hauptsächlich auf Imaginationen von Freude und männlicher Beteiligung an der Hausarbeit bestand.
Bei Rezensionen aus weiblicher Konsumentensicht hieß das etwa, meist folgend auf naive Beschreibungen der Innovation quasi als technisches Spielzeug:

„Endlich saugt auch mein Mann (gerne)!(!! :))“

– während mit männlich kodierten Kundenprofilen die Leistungsdetails und Filtersysteme des jeweiligen Produktes vergleichend ausgebreitet und spezifisch mit weiteren Ausstattungsmerkmalen in Verbindung gebracht wurden, sprachlich lose orientiert an tatsächlichen bzw. bereits vorhandenen Produktbeschreibungen und Erfahrungsberichten, u.a. bspw. auch bei Rasenmähern oder Rasierapparaten.

Insgesamt galt allen unseren Avataren das Saugen mit Beuteln sehr bald als Anachronismus und das Wechseln von Staubsaugerbeuteln als mindestens „lästig“ im Gegensatz zum bequemen Leeren und Reinigen der Auffangbehälter; und auch die Anekdote, früher immer wieder „die falschen Beutel nachgekauft“ zu haben und nun um diese verbraucherunfreundlichen Umstände erleichtert zu sein, fand immer wieder in verschiedenen Variationen Verwendung in den Texten.

Circa jeder vierte erfundene Rezensent und jede dritte erfundene Rezensentin berichtete von seinem Hund/ihrer Katze und dessen/deren verstreuten Haaren, denen man nun „mit dem neuen Staubsauger endlich auch auf Teppich(boden)“ Herr (oder ggf. auch: Herrchen ;)) würde.

loriot-staubsaugervertreter
Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur blasen kann.“
– Staubsauger-Vertreter war schon früher ein anzügliches Geschäft.
(Loriot-Sketch auf Youtube)

Selbstredend standen die beliebten Abschlussfloskeln „So macht Saugen (endlich) (wieder) Spaß!(!! :))/:D)“ und das etwas wagemutigere „(Mit diesem neuen Gerät ist das Saugen/der Hausputz)(…) … eine Freude für die ganze Familie!“ schnell unter Verdacht, verbraucht und in ihrer Häufung zu auffällig zu sein, wobei wir uns immer wieder mit der These des mutmaßlich nicht allzu wortgewandten Staubsaugerkäufers herausredeten – „So schreibt der gemeine Staubsaugerrezensent nun einmal in Wirklichkeit!“ – während wir mit allzu dreisten Behauptungen wie jener, die Haushaltsmitglieder würden sich nun „darum (fast) streiten, wer saugt“ dann doch lieber sparsam und im Zweifelsfall sprachlich abschwächend umgingen.

Teil des Lohns war ein als Vorschuss gelieferter und selbstverständlich beutelloser Staubsauger der unteren Preisklasse, mit dem wir uns selbst von den Vorzügen der „neuen Art, Staub zu saugen“ überzeugen konnten und sollten. Und tatsächlich: Das Staubsaugen mit diesem Gerät war deutlich angenehmer als zuvor mit dem stinkenden und röhrenden WG-Sauger, den irgendein Ex-Mitbewohner uns hinterlassen hatte und bei dem niemand so genau wusste wann sein Beutel zuletzt gewechselt worden war. Eine Erfahrung, die mich zu mehreren herausragenden und von anderen Usern als hilfreich bewerteten 5-Sterne-Rezensionen nach dem klassischen Schema vorher/nachher inspirierte.

Die Wohnung war einige Wochen lang „sauberer als je zuvor“ und das Aufräumen nach der WG-Party, bei der ich mein erstes Zeilenhonorar in Tequila umsetzte, wurde zu einem solchen Spaß, dass wir mutwillig weitere Salz- und Zimtprisen, Zigarettenkippen, Scherben und Zitrusstückchen verstreuten, um die alles aufnehmende Kraft der Reinigungsmaschine zu feiern, deren Saug-Sound erstaunlich angenehm mit unseren verkaterten Schädeln brummend resonnierte.

Doch ebenso wie die anfänglich echte Begeisterung über das neue Sauggerät ließ auch die Freude am Texten von möglichst authentischen Kundenzufriedenheitsbekundungen sehr bald und schnell nach und im gleichen Maße, wie wir in der WG wieder in den alten Putzplan-Trott zurückfielen, lief ich mehr und mehr Gefahr, aus Lustlosigkeit durch allzu auffälliges Copypasten die verdeckte Werbekampagne auffliegen zu lassen.

Letztendlich provozierte ich meine Kündigung dadurch, dass ich, anstatt der bereits erwähnten genderorientierten Zielstrategie folgend etwaige Technikaffinitäten männlicher Teile der Konsumentenhaushalte anzusprechen, sexuell anzügliche Sprachspielchen mit der naheliegenden Saugmetaphorik einzustreuen begann, die zu ihrem Höhepunkt und zum nicht mehr rein metaphorischen Ende gelangten mit einem recht drastisch formulierten Hinweis auf eine Forschungslücke, aufgrund derer das urologische Standardwerk zum Thema – die Dissertation „Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern“ – ob der Innovationskraft der Saugeringenieure einer erweiterten Neuauflage bedürfe unter besonderer Berücksichtigung der Beutellosigkeit.

Heute schäme ich mich ein bisschen für die Dreistigkeit, mit der ich mich an der Konsumententäuschung beteiligte, aber damals war ich mir keiner Schuld bewusst und machte mir keinerlei Gedanken dabei, womit ich mein Geld verdiente. Den Absatz von Reinigungsgeräten anzukurbeln fiel mir insgesamt dann doch auch eher leicht. Was vermutlich auch daran lag, dass wir anders als die analogen Staubsaugervertreter früherer Generationen keinen direkten Kundenkontakt pflegen mussten. Somit waren wir nicht der Gefahr ausgesetzt, beispielsweise in Haushalten ohne Stromanschluss letztlich den selbst ausgestreuten Dreck manuell wieder auffegen zu müssen und ohne den anschaulichen Beweis der Vorzüge der Maschine erbracht haben zu können unverrichteter Verkaufserfolge einsam weiter durch die Lande zu ziehen.

heinz-ruhmann-staubt-sich-ein-als-5-millionen-dollar-erbeDem Online-Texter-Türken wäre das nicht passiert: Heinz Rühmann staubt sich ein
als Staubsauger-Vertreter in „Fünf Millionen suchen einen Erben“ – Moviepilot.de

Allerdings ist das Schreiben im Internet seit dieser Zeit ein fester Bestandteil meiner beruflichen und privaten Tätigkeiten geblieben und einige der damals angewandten Tricks, wie zum Beispiel bewusst nicht ausgebesserte oder gezielt gesetzte Rechtschreibfehler und Grammatikschwächen als Authentisierungsverfahren für Figurationen naiver, flüchtiger und/oder dilettantischer Autorschaft, gehören wie selbstverständlich zu meinem Repertoire der Textgestaltungsmittel, wobei ich dabei konsumfördernden Täuschungsabsichten weitestgehend abgeschworen habe – nicht zuletzt zugunsten auch als solcher ausgewiesener Fiktionen.

True Story!

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